


© Brgitte Tegtmeier
DER BESCHÜTZER
Er steht dort, wo der Wald beginnt. Still und aufrecht, den Kopf erhoben, das mächtige Geweih wie eine goldene Krone über sich tragend. Es scheint, als hätte die Sonne selbst ihre Strahlen in seinen Geweihstangen zurückgelassen. Er ist kein Jäger. Er ist kein Eroberer. Er ist der, der bleibt. Wenn der Wind stärker wird und die Bäume sich neigen, steht er noch immer dort. Wenn die Nacht hereinbricht und die Schatten länger werden, wacht sein Blick über das, was ihm anvertraut ist. Er beschützt nicht, weil er muss.
Er beschützt, weil es seinem Wesen entspricht. Sein Geweih ist groß und prachtvoll, doch seine eigentliche Stärke liegt nicht darin. Sie liegt in seiner Ruhe. In der Gewissheit, dass jemand da ist, wenn man ihn braucht. Vielleicht ist das die älteste Form von Mut: einfach dazustehen, wenn andere Schutz brauchen.
Er kennt die Gesetze des Waldes. Er weiß, dass alles kommt und wieder vergeht. Dass der junge Baum eines Tages alt wird, dass jedes Blatt seinen Herbst erlebt und dass selbst das stärkste Geweih irgendwann abgelegt werden muss. Gerade dieses Wissen macht ihn so ruhig. Wer ihm begegnet, spürt etwas Seltsames: man möchte ihm näher kommen, ihn bei sich haben, von ihn begleitet werden.